Facebook-SharerGoogle+-Sharer
Goldene Jahre

Auf der Suche nach des Lebens Haute Cuisine.

Von London, nach Paris nach West-Berlin.

Nach Wien, Venedig und nach Ibiza.

Doch wohin ich auch kam,

du warst nicht mehr da.

Auf den Straßen keine Spur mehr von dir.

Ich suche und ich frage mich, wofür.

Dafür hat dich nun der Zeitung Boulevard.

In Gstaad, Monaco und dem fernen Malaga.

Ein Haus hast du am schönen Lago Maggiore.

Dort machst du mit allen außer mir zärtlich Amore.

Trinkst Wodka Martinis und auch mal 'nen Kir.

Nun muss ich fragen:

Was wolltest du ausgerechnet von mir?

Das Extrablatt baut dir einen Schrein.

Dabei warst du früher auch mal mein.

Nun sind es Roger, Gunther und die Bardot.

Du willst ihr nobles High-Society Trikot.

Und der einzig' Mann für dich noch zum Verlieben,

ist mindestens so was wie Null Null Sieben.

Verflogen ist der Wunsch nach Haute Cuisine,

nach Glamour, Schick und "Hauptsach', mir san In".

Gelassen hab' ich dich nun hinter mir.

Kein Schampus mehr, stattdessen Münchner Bier.

Auch wenn der Schein ist nicht meine Natur,

gründ' ich jetzt 'ne Modelagentur.

Zelebriere feuchte, weiße Nächte im P1.

Mir das meine und dir natürlich Dein's.

Vergessen hab' ich dich mit all den Wehen,

denn inzwischen hab' ich Wien bei Nacht gesehen.

Dass ich von deiner Trauung aus der Klatschpresse erfahre,

ist mir egal, denn mein einzig wahrer Schwarm

sind diese neuen goldenen Jahre.

In dem Liebesgedicht "Goldene Jahre" geht es vordergründig um das Vergessen einer Liebe, die unerreichbar geworden ist. Man hat sich mehr als nur auseinandergelebt. Während sich der Autor verzweifelt verliebt auf die Suche nach seiner Entflossenen begibt, tritt sie immer mehr in eine Welt, in der er ihr nicht mehr folgen kann. Auch deshalb, weil er in ihre neuen Kreise nicht reinpassen würde und das auch gar nicht möchte.

Nun geht es für ihn darum, sie hinter sich zu lassen und selbst neue Perspektiven zu erkunden. Zum Glück gibt es von diesen aber mehr als genug. Denn er beginnt zu begreifen, dass er in einer Zeit lebt, in der etwas Neues entsteht, etwas das ihm mehr Chancen bietet, als jemals zuvor.

Wenn man genauer hinsieht, wird man schnell erkennen, dass diese neuen Chancen trotzdem von ihrem Wesen geprägt sind. Will er ihr beweisen, dass er es genauso in ihre Welt schaffen kann? Man kann es nicht genau sagen. Was aber offensichtlich ist: Sie war Teil seiner Entwicklung und ohne sie wäre er nicht dieselbe Person, die er heute ist.

Neben dem Vordergründigen beinhalten die Zeilen aber auch eine dahinter stehende Botschaft. Nicht umsonst heißt das Gedicht "Goldene Jahre". Es ist auch kein Zufall, dass vom früheren West-Berlin die Rede ist, von Gstaad, Monaco und dem "fernen" Malaga. Die Reime sollen ebenso eine Hommage auf eine vergangene Zeit sein. Es ist eine Zeit, die ungefähr in den Sechziger Jahre begann und in den Achtzigern langsam endete. Das war eine alteuropäische Welt, die noch näher beisammen lag, in der man sich kulturell stärker an Städte wie Paris orientierte. Das Zentrum der Welt lag damals wohl noch irgendwo zwischen dem Wörthersee und der Provence. In diesen Zeiten galt es als schick, einen Kir Royal oder gar noch früher einen Wodka Martini zu trinken. In den Urlaub ging es mit dem Aston Martin an den Lago Maggiore. Die Zeitung hat damals eine noch viel herausragendere Rolle als Informationsmedium gespielt. Und Stars waren in dieser weit vor der Promiinflation liegenden Zeiten noch wirklich eine Rarität. Das Gedicht wird beseelt von der Sehnsucht nach einer stärker überschaubaren und viel sichereren Welt, die dennoch jede Menge Attraktionen und Komfort zu bieten hatte.

Goldene Jahre, eben.