Gemeinsame Zeit auf einem Kreuzfahrtschiff
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Die Wellen des Mittelmeers schlagen sanft gegen die stolze Seite der MS Serenata, einem Kreuzfahrtschiff, das gerade dabei ist, seine Leinen zu lösen und sich auf eine sommerliche Reise zu begeben. Bald werden sie Barcelona hinter sich lassen und auf See stechen.

An Bord befindet sich auch Elena, ausgeschlafen und gut gelaunt. Sie freut sich ungemein, endlich von den vielen Akten und dem Bearbeitungsstau in ihrer Arbeit loszukommen. Gestern hat sie kurz mit dem Gedanken gespielt, noch in eine Bar zu gehen. Barcelona ist schließlich eine Metropole mit einem aufregenden Nachtleben. Doch so ganz allein in einer Millionenstadt, die Vorstellung bereitete ihr plötzlich Unbehagen. Sie entschied sich für das Wellness-Programm ihres Hotels und ein frühes Zubettgehen. Lieber wollte sie sich ganz auf die bevorstehende Kreuzfahrt konzentrieren.

Als Maximilian letzte Nacht vor einer ähnlichen Entscheidung stand, hat er den anderen Weg gewählt. Ein Kollege hat ihm eine Liste mit Orten gegeben, die er keinesfalls verpassen durfte, wenn er schon mal in Barcelona ist. Maximilian besuchte nur zwei davon, und selbst das war zu viel. Entsprechend übermüdet fühlt er sich gerade. Wenn er sich doch wenigstens Nummer zwei erspart hätte und mit dem Taxi stattdessen zurück ins Hotel gefahren wäre. Nun fühlt er sich zu Beginn der Kreuzfahrt vergrippt und übernächtigt. Also so, wie fast jeden Samstagmorgen und Sonntagmorgen, seitdem er sich von seiner Frau getrennt hat. Er hatte damals noch gehofft, jemanden im Nachtleben kennen zu lernen. Doch irgendwie scheint das nichts mehr für sein Alter zu sein, in einer Bar oder Diskothek Anschluss zu finden. Zugegeben, ein Grund, warum Maximilian die Kreuzfahrt gebucht hat, ist die Hoffnung, vielleicht hier mit interessanten Single-Frauen in Kontakt zu treten. Es ist kein Muss. Er wäre nicht enttäuscht, wenn nichts daraus wird. Doch perfekt wäre es, wenn irgendwie eine Romanze entstehen würde.

Auf der anderen Seite des Schiffes blickt Elena von der Reling aus auf das sich langsam entfernende Hafenpanorama Barcelonas. Sie trägt ein leichtes Sommerkleid mit Blumen, das sanft im Wind flattert. Ihre Augen verraten eine Mischung aus Vorfreude und einer tiefen Sehnsucht nach Liebe. Die Scheidung vor zwei Jahren hatte eine Lücke in ihrem Herzen hinterlassen. Ihr ist klar, dass sie nicht nur eine Kreuzfahrt zu buchen braucht, um ihren Wunsch nach Romantik zu erfüllen. Aber irgendetwas in ihr hofft, dass es trotzdem so kommt. Es muss nicht unbedingt sein, nicht um jeden Preis, aber es wäre schön. So schön wie der heutige Vormittag am Anfang ihrer Reise. Alles liegt noch vor ihr.

Max beobachtet das Wasser, das in verschiedenen Blautönen schimmert. Er spannt seine Muskeln an. Seit Cara ihn verlassen hat, ist er im Fitness-Studio Dauergast, wo er wie ein Berserker trainiert. Und nein, das tut er nicht, um mit einer guten Figur Frauen zu beeindrucken, zum Beispiel am Pool eines Kreuzfahrtschiffes. Seine Ziele sind eine ausgezeichnete Gesundheit bis ins hohe Alter und ein hohes Maß an Wohlbefinden. Die Zeit dazu hat Max. Er ist hauptberuflicher Vermieter. Er vermietet nur ein einziges Objekt. Aber das ist eine große Maisonette Wohnung in München, beste Lage, nicht weit von der Oper und dem Rathaus entfernt. Die bringt ihm so viel ein, dass er sich ein gutes Leben davon leisten kann. Er hatte großes Glück, dass er die Immobilie nach der Scheidung komplett behalten durfte. Aber seine Ex-Frau ist auch nicht gerade arm.

Als die Serenata das offene Meer erreicht, spüren sowohl Max wie auch Elena, wie der Wind ihren Alltag und ihre Vergangenheit davonträgt. Gleichzeitig wehen die frischen Meeresbrisen neue Hoffnungen zu ihnen herüber. Der Beginn von etwas Aufregenden könnte bevorstehen.

Die ersten Abendstunden an Bord sind gefüllt mit der üblichen Aufregung. Passagiere treffen sich, Cocktails werden serviert, und das Schiff bricht auf zu den ersten Zielen seiner Route. Die Gäste mustern einander oder schließen erste Bekanntschaften.

In der lebhaften Atmosphäre des Eröffnungsabends schreiten Elena und Max, jeweils von unterschiedlichen Enden des Speisesaals, langsam auf das Zentrum zu, wo ein festliches Dinner unter funkelnden Lichtern stattfindet. Das Orchester beginnt zu spielen, und die sanften Klänge des Violinsolos füllen den Raum mit einer fast greifbaren Romanze. Elena lässt ihren Blick noch einmal über den Saal schweifen, bevor sie sich setzt. Sie möchte sehen, wer sonst noch an Bord ist. Dann blickt sie hinaus. Die untergehende Sonne malt den Himmel in leuchtenden Orangetönen, und sie fühlt sich von der Schönheit des Moments überwältigt.

Max, der seinen Tisch schließlich findet, beobachtet die fröhlichen Paare, die überall Platz nehmen. Sein Herz sehnt sich nach einer Verbindung, die tiefer geht als die kurzen Gespräche und flüchtigen Lächeln, die bisher seinen Abend gefüllt haben. Er versucht, sich von der Melancholie zu lösen, die ihn zu umschlingen droht. Die würde ihn introvertiert machen, was die völlig falsche Stimmung für eine solche Reise ist.

Das Schicksal, das manchmal seine eigenen Pläne schmiedet, führt dazu, dass Elena unerwartet zu Max Tisch geleitet wird. Sie hat sich aus Versehen falsch hingesetzt. Der Platz war für eine kleine Gruppe aus zwei Paaren reserviert. Mit einem entschuldigenden Lächeln setzt sie sich zu Max. Der stellt sich sogleich charmant vor. Auf einmal ist er hellwach. Jeder Hang zur Melancholie und Introvertiertheit ist verschwunden.

"Freut mich", sagt Elena, und sieht ihn interessiert an.

Dieser einfache Austausch von Höflichkeiten öffnet die Tür zu einem Abend voller Gespräche, während sie das exquisite Dinner genießen. Es ist, als ob sie sich schon lange kennen. Vermutlich liegt das auch daran, dass beide gerade einen Gesprächspartner brauchen können.

"Sag bitte, du bist da nicht mitgegangen." fiebert Elena bei einer von Max abenteuerlichen Geschichten aus Mittelamerika mit.

"Doch, wir waren so leichtsinnig. Aber es ist nichts passiert. Der Führer hat sein Wort gehalten und meinen Freund und mich wohlbehalten zurückgebracht."

"Dann habe ich ja Glück gehabt." strahlt Elena ihre neue Bekanntschaft an. "Sonst wäre der heutige Abend sicher viel langweiliger geworden."

Sie tauschen Geschichten aus ihren Leben aus, lachen über kleine Missgeschicke und entdecken eine überraschende Leichtigkeit im Umgang miteinander. Als sich das Dinner dem Ende zuneigt und die Sterne am Himmel erscheinen, fühlen beide, wie eine sanfte Vertrautheit zwischen ihnen wächst - ein Gefühl, als würde das Schiff sie nicht nur durch das Meer, sondern auch durch die Anfänge einer Ferienromanze navigieren. Und womöglich ist es sogar der Anfang von mehr. Doch das ist erst einmal egal. Was zählt, ist das Jetzt.

Eine Frau schaut über eine Reling hinaus auf das Meer

In den folgenden Tagen an Bord der MS Serenata kommen sich Elena und Max immer näher. Was mit einem zufälligen Zusammensitzen beim Dinner begann, verwandelt sich schnell in eine tägliche Routine. Man ist es auf einmal gewohnt, Dinge gemeinsam zu unternehmen und miteinander zu planen, vom Landausflug bis hin zum Tanzabend. Beim Essen treffen sie sich sowieso immer an ihren gemeinsamen Tisch.

Natürlich gibt es auch Dinge, die sie nach wie vor alleine machen. Zum Beispiel hat Max kein Bedürfnis nach Meditationskursen und erst recht nicht nach Yoga. Elena hat sich aber darauf schon gefreut. In der Zeit sitzt Max an einer der vielen Bars oder macht ein Nachmittagsnickerchen am Pool.

"Da kommt deine Frau.", meinte neulich einer der Barkeeper, als Elena ihn an der Pool-Bar abholen kam. Auf Außenstehende wirkt es, als ob sie schon lange zusammen wären.

Eines Morgens entscheiden sie, gemeinsam an einem Malkurs teilzunehmen, der an Bord angeboten wird. Während sie versuchen, die schimmernde See auf Leinwand zu bekommen, haben sie jede Menge Spaß. Sie beleidigt seine Kreationen, er macht ihr dafür einen Klecks auf die Nasenspitze, worauf sie ihm mit ihrem Daumen ein Veilchen unters Auge malt. Kurz darauf sind sie alleine in Elenas Kajüte, die sich von der Farbe befreien will.

"Deine Nase sieht doch toll aus, so." stichelt Max. "Das ist doch nur ein grüner Punkt. Kann praktisch sein, falls dich jemand recyceln will."

"Dann behältst du aber auch dein Veilchen. Das erinnert dich wenigstens daran, dass man nicht unartig sein darf."

Im Nu vergessen sie die Kleckse in ihren Gesichtern und fallen sich in die Arme. Es ist ihr erster Kuss.

Die zunehmende Verbundenheit führt bald dazu, dass sie bei ihren Gesprächen offener zueinander sind und sich mehr vertrauen. Max erzählt von seiner Leidenschaft für Literatur und wie er manchmal davon träumt, selbst einen Roman zu schreiben. Es soll ein historischer Roman werden, der gleichzeitig eine spannende Geschichte erzählt. Man soll als Leser immer erfahren wollen, wie es weitergeht. Elena, die in ihrem Beruf oft mit trockenen Zahlen und Fakten zu tun hat, bewundert seine kreative Ader und fühlt sich inspiriert, selbst wieder mehr zu träumen. Sie spricht über ihren Job und erzählt auch von ihren Erfahrungen als Fußmodel. Das ist ihr Nebenjob. Im Laufe der Zeit haben sich da einige lustige Geschichten angesammelt. Max findet diese besondere Tätigkeit faszinierend und ermutigt sie, stolz auf ihre Talente zu sein.

"Also wenn du mir das Kompliment gestattest, du hast tatsächlich wahnsinnig hübsche Füße. Vor allem, wenn man sie mit all den anderen Füßen hier auf Deck vergleicht."

"Pst.", unterbricht Elena ihren neuen Freund kichernd. "Nicht dass dich noch jemand hört."

"Du hast Recht. Alle Füße haben etwas Schönes und man sollte die weniger vorteilhaft Aussehenden nicht diskriminieren."

Sie sind oft am Herumalbern, reden aber auch über ihre Hoffnungen und Träume. Auch ihre vergangenen Enttäuschungen verschweigen sie nicht. Eine ihre Gemeinsamkeiten ist schließlich, dass sie geschieden sind.

Die beiden beginnen, tiefere Gespräche über ihre früheren Beziehungen zu führen. Ihr Liebesleben ist auch geprägt von den Narben der Enttäuschung. Das gilt zumindest für die letzten zehn Jahre. Obwohl sie sich noch nicht lange kennen, offenbaren sie sich gegenseitig ihre Verletzlichkeit. Elena ist klar, dass sie nach der Kreuzfahrt auch getrennte Wege gehen könnten, falls es doch nicht völlig passen sollte. Doch ihr Herz wünscht sich kein Auseinandergehen. Am liebsten hätte sie, dass sich alles so weiter entwickelt, wie bisher, und genauso schnell. Vermutlich wären sie dann spätestens in einem halben Jahr verheiratet. Sofort ist Elena der Gedanke unangenehm. Es ist wirklich verfrüht, über so etwas nachzudenken. Sie hat sich sogar schon dabei ertappt, wie sie in ihrer Vorstellung einen Kinderwagen zusammen mit Max schiebt, was sie noch alberner findet. Elena hat alle Fantasien in diese Richtung sofort gezügelt. Wobei es zwischen ihnen wirklich passt. Beide teilen sie ähnliche Werte und Lebensanschauungen. Es wirkt fast so, also ob sie wie füreinander geschaffen sind.

Auf einem Landausflug in einer malerischen Küstenstadt schlendern sie durch die verwinkelten Gassen, halten Händchen und genießen die lokalen Spezialitäten. Max hat Elena eine Silberkette gekauft. Der Höhepunkt des Tages ist der Besuch einer alten Festung, von deren Mauern aus sie einen atemberaubenden Blick über das Meer haben. In diesem Moment, isoliert von der Außenwelt und umgeben von der Geschichte des Ortes, fühlen sie eine tiefe Verbundenheit. Max fasst den Mut, Elena zu gestehen, dass er sich zu ihr mehr als nur hingezogen fühlt, und dass er sich wünscht, das mit ihnen würde weitergehen. Elena, die sich in seiner Gegenwart sicher und geschätzt fühlt, erwidert seinen Wunsch.

"Ja, das will ich auch. Das wäre schön.", sagt Elena.

Als sie am Abend zurück zum Schiff gehen, ist zwischen ihnen eine stille Übereinkunft gewachsen. Sie sind bereit, zu erforschen, wohin diese neue Verbindung sie führen könnte, ohne jeden Druck.

An Bord gibt es eine Art Nachtclub oder Diskothek mit DJ Pult und mehreren Bars. Die Gäste machen Party und tummeln sich auf der Tanzfläche und quatschen miteinander. Es wird auch viel geflirtet. Auf dem Schiff scheint es recht viele Singles zu geben und fast alle treffen sich so ab zehn Uhr in der Disko, wo zu Techno, House, Rap und EDM ausgelassen gefeiert wird. Alle sind sie im Urlaub und wollen etwas erleben. Max weiß eigentlich nicht so recht, was er mit Elena hier soll, denn der Club scheint mehr auf das Kennenlernen ausgerichtet zu sein. Er kennt Elena aber schon, keine neuen Kontakte notwendig. Allerdings will er vor ihr auch nicht den Spielverderber geben. Wenn sie das Bedürfnis nach Party hat, dann soll sie eben auch seine Feierpersönlichkeit kennen lernen. Hoffentlich schlägt er nicht über die Stränge, hofft Max, schließlich will er seine neue Urlaubsfreundin nicht verschrecken.

"Kann ich dir was zu trinken mitbringen?", will er von Elena wissen.

"Ja, bitte, das wäre nett. Ein Wasser."

"Sicher? Wir sind im Urlaub."

"Ja. Wir müssen morgen etwas früher raus, wenn wir Gibraltar sehen wollen."

An der Bar muss Max warten. Die junge Barfrau sieht ihn irgendwie nicht. Er winkt, lächelt, zückt die Brieftasche. Nichts. In der Zwischenzeit steht so ein komischer Typ bei Elena. Er redet in ihr Ohr. Belästigt er sie etwa? Aber nein, sie antwortet und reicht ihm ihre Hand, als ob sie sich vorstellen würde. Am liebsten würde Max die Bestellung sein lassen und gleich zurückkehren, damit dem fremden Mann klar wird, dass Elena schon vergeben ist, und zwar an ihn. Aber das hätte einen komischen Beigeschmack. Übereilte Rückkehr ohne zwei Wasser, nur weil ein möglicher Konkurrent auftaucht. Das mit dem Wasser muss schneller gehen. Er winkt fast vor den Augen der Barfrau, was die nicht mehr ignorieren kann.

"Gleich!", ruft sie ihm genervt zu und schaut Max böse an.

Um die zehn Minuten später hat Max endlich seine zwei Wasser und kehrt zu Elena zurück, die inzwischen ein Glas Champagner in der Hand hält. Max stellt sich mit den zwei Wassern dazu, schließlich ist das sein Revier hier. Elena erklärt dem Typen, dass sie Max eigentlich gebeten hatte, ihr ein Wasser mitzubringen, weil sie morgen auf einen Ausflug muss.

"Da stellt sich ja wortwörtlich die klassische Wahl. Sekt oder Selters?", sagt der Neue charmant und lächelt Elena an.

"Da nehm ich lieber den Sekt.", antwortet sie, nippt an dem Glas und schaut dem Typen mit kokettem Blick verführerisch in die Augen. Mit se

inen zwei Wasser in der Hand fühlt sich Max wie bestellt und nicht abgeholt. Dabei war er es doch, der lieber Champagner getrunken hätte. Doch sie fing mit Wasser an. Nun hat er gleich zwei in der Hand. In einem Zug trinkt er eines davon halb aus und stellt sich vor, es wäre ein Long-Drink.

Der Fremde scheint sichtlich beeindruckt von Elenas Fußmodel Tätigkeit zu sein. Das hat Max nur am Rande aufgeschnappt. Die ignorieren ihn und sind in ihrem Gespräch vertieft. Er ist auf einmal wie Luft für Elena, so wie für die Barfrau davor. Nun ändert der Typ auch noch seine Position und kehrt ihm den Rücken zu, sodass er von ihrem Zweiergespräch völlig ausgeschlossen ist. Max platzt der Kragen. Er geht rüber zu Elena, muss sie sogar am Arm antippen, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, und verabschiedet sich.

"Da du ja offenbar eine neue Beschäftigung gefunden hast, wünsche ich dir noch viel Spaß und eine schöne restliche Zeit."

Eigentlich hat er gerade die Beziehung zu Elena zerstört, oder im besten Fall leichtsinnig riskiert. Außerdem hat er ein Duell um eine schöne Frau aufgegeben und seinem Kontrahenten das Feld freiwillig überlassen. Doch so sieht das Max nicht. Er ist keine dreißig mehr. Das, was zwischen ihm und Elena ist, oder war, hat Vorrang. Es ist das Einzige, was zählt. Leider hat sie es gerade aus einer Laune heraus geopfert, um mit einem fremden Mann zu flirten und Max blöd dastehen zu lassen. Während er die Diskothek verlässt, ist er richtig wütend auf Elena.

Die stellt entsetzt fest, was sie getan hat. Oder sollte sie besser sagen, schon wieder getan? Es war wieder ihre alte Persönlichkeit aus jungen Jahren, die sich ab und zu meldet, und zwar meist dann, wenn eine Bindung ihre Freiheiten einschränkt. Die muss dann immer provozieren und auf ihr Recht bestehen, mit jedem Menschen reden zu dürfen, mit dem sie sich unterhalten will. Sie hat sich von dieser Stimmung treiben lassen und ihr Vorrang gegeben. Als Ergebnis ist Max, mit dem sie in den letzten Tagen eine neue Bindung aufgebaut hat, offensichtlich gekränkt.

"Entschuldigung, ich muss gehen." sagt sie zu ihren neuen Bekannten und reicht ihm ihr Glas. Dann folgt sie Max schnellen Schrittes.

"Warte!", ruft sie ihm nach, als sie ihn fast eingeholt hat. Sie sind draußen an Deck. Über ihnen erstreckt sich der klare Sternenhimmel des südwestlichen Mittelmeers.

Max bleibt stehen und dreht sich um. Er fühlt sich verunsichert. Er hätte nicht so emotional reagieren dürfen. Das war schon fast eine Szene. Aber etwas hatte ihn die Kontrolle verlieren lassen.

"Es tut mir leid.", sagt Elena. "Ich kam spontan in Feierlaune und hab dich mit dem Wasser da ganz stehen lassen. Das war albern. Ich habe nicht geahnt, dass dich das so trifft."

"Nein, mir tut es leid.", sagt Max. "Meine frühere Ehe war von Eifersucht geprägt. Das hat sich plötzlich zurück an die Oberfläche gedrängt. Es war total unlogisch. Du hast dich nur mit jemandem unterhalten."

"Nicht nur.", gibt sie zu. "Es hatte auch bei mir etwas mit meinem Ex-Mann zu tun."

Elenas bisherige Erfahrung mit Misstrauen in Beziehungen lässt sie manchmal trotzig reagieren. Sie spürte, dass Max eifersüchtig war, und wollte ihr Verhalten aus Prinzip nicht ändern. Das erklärt sie Max.

"Das war unfair von mir. Du bist nicht wie mein Ex, aber ich habe dich für seine übertriebene Eifersucht bestraft und mit diesem Typen weitergeredet, obwohl es offensichtlich war, dass er nur mit mir flirten wollte."

"Offenbar haben wir beide noch mit alten Dämonen in uns zu kämpfen. Meine Ex-Frau konnte nicht aufhören, mich eifersüchtig zu machen. Diese alten Gefühle haben begonnen, wieder an die Oberfläche zu drängen. Und ich habe es nicht geschafft, die Eifersucht ganz abzulegen. Das ärgert mich."

"Wir sind beide in Zwänge zurückgefallen, von denen wir dachten, dass wie sie hinter uns gelassen haben.", sagt Elena und umarmt danach Max. "Weißt du was, ich werde dir deinen Ärger einfach austreiben."

"Und wie willst du das anstellen?", fragt Max.

"Lass das mal meine Sorge sein."

Sie stehen noch eine Weile unter dem klaren Sternenhimmel. Irgendwie scheinen die Sterne auf einmal etwas heller. Die Wellen, die sanft gegen das Schiff schlagen, singen ein langsames Liebeslied.

Jahre später sollte diese Nacht unter den Sternen zu einem Symbol ihrer Beziehung werden. Es war der Moment, an dem alles auf der Kippe stand und sich alles dennoch zum Guten entwickelte. Ihnen war damals klar, dass es nicht die letzte Herausforderung in ihrer Partnerschaft werden sollte. Aber diese Nacht zeigte ihnen, dass sich jedes Missverständnis und jedes Problem lösen lässt. Ihnen war damals klar, dass sie zu neuen Pfaden navigieren und auch noch Stürme auf sie warten. Doch beide haben damals beschlossen, sich nicht mehr auseinander treiben zu lassen. Weder von der Welt, noch von anderen Menschen, und erst recht nicht von den Regungen ihres Egos. Mit dieser Erkenntnis schritten sie gemeinsam voran, bereit, die verbleibenden Tage ihrer Kreuzfahrt als Chance zu nutzen, um ihre Bindung weiter zu stärken.

Als die MS Serenata ihren letzten Hafen ansteuerte und die Reise ihrem Ende entgegenblickte, reflektierten Elena und Max über diese unglaubliche Reise, die ihr Leben verändern sollte. Da ging es nicht wirklich um Sehenswürdigkeiten, das sonnige Wetter und das Unterhaltungsprogramm eines Kreuzfahrtschiffs. Im Mittelpunkt standen sie und ihre persönliche Entwicklung. Es war eine Reise in ihr Inneres und als Belohnung gab es endlich den richtigen Partner fürs Leben.

Als sie von Bord gingen waren sie glücklich und traurig zugleich. Glücklich über den Ausgang der Kreuzfahrt und was sie davon mitnehmen dürfen. Traurig, dass die zwei Wochen, in denen sie einander kennen lernten und zueinander fanden, bald nur noch eine Erinnerung ist. Doch das Schöne daran war, dass sie sich jederzeit gemeinsam daran erinnern konnten.