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Wanderweg ins neue Leben

Evas Herz pumpt bis zum Anschlag auf der Rückbank. Wie sehr hatte sich ihr Leben in den vergangenen Monaten geändert.

Die letzten Wochen nach dem Abschluss von der Universität waren ein einziges Chaos, die Jobsuche eine Katastrophe und alle ihre Freunde haben die Stadt verlassen. Ihre Jugendliebe hatte sie nicht einmal in seine Planung mit eingeschlossen, als er kurzerhand ein Stellenangebot von einer Kanzlei in Berlin annahm. Nach Wochen des Selbstmitleids war es Zeit für Veränderungen. Sie kündigte ihr Zimmer und packte ihren großen Rucksack mit ein paar Klamotten und Campingutensilien. Den Rest ihrer Habe verteilte sie zwischen Müllsäcken und drei Umzugskartons, die sie bei ihrem Bruder unterstellte.

Ein früherer Mitbewohner hatte ein Heft mit den „Schönsten Wanderwegen Deutschlands“ zurückgelassen. Da Eva weder ein festes Ziel hatte, noch unter Zeitdruck stand, suchte sie nach einem Startpunkt für ihr neues Leben. Nur wenige Kilometer von ihrer Heimatstadt verlief die "Route der deutschen Einheit“.

Protestierend lieferte ihr Bruder sie in der Nähe der Strecke ab und Eva schlug ihren Weg Richtung Westen ein. Selbst die Schmerzen in den Füßen trübten Evas Freiheitsgefühl nicht. Am Abend des fünften Tages sah sie zum ersten Mal einen anderen Wanderer. Er grüßte sie freundlich, als er sich ins Unterholz aufmachte, wahrscheinlich um einen Zeltplatz zu suchen. Eva lief noch eine gute halbe Stunde weiter. Was sie am allerwenigsten wollte, war Gesellschaft in der aufregendsten Phase ihres neuen Lebens.

Am nächsten Tag sah sie fast keine Menschenseele, doch gerade, als sie einen kleinen Bachlauf gefunden hatte, an dem sie ihr Zelt aufschlug, raschelte es im Gebüsch. Das Geräusch machte sie nervös und sie zog ihr kleines Taschenmesser, das früher immer an ihrem Schlüsselbund baumelte. „Wer immer du bist, verschwinde, ich bin bewaffnet.“ Das Geräusch stoppte abrupt. Einige Minuten später hörte sie wieder einige Hölzer brechen, doch bevor sie ihre Drohung wiederholen konnte, schimmerte etwas Weißes zwischen den Ästen her. Eine Boxershorts aufgespießt an einem dünnen Ast, schwenkte in ihre Richtung. „Ich komme in Frieden“, ertönte eine männliche Stimme, die schnell in Lachen umschlug als der Blick auf Eva und ihre „Waffe“ fiel.

Auch Eva konnte nicht mehr Ernst bleiben beim Anblick der improvisierten Friedensflagge.

„Hey, ich bin Jan, wir haben uns gestern schon gesehen, wollte dich nicht stören, aber ich brauche ein Lager, an dem ich meine Wasserreserven wieder auffüllen kann. Hast du was gegen Gesellschaft.“

Eigentlich schon, dachte sie, aber nickte. Es wäre nicht fair, jemanden nach einem ganzen Tag laufen weiterzuschicken.

Nach einer Stunde des Schweigens und Präparierens stellten beide ihren Wasserkessel ins Feuer und holten ihr Pulveressen hervor.

„Scheint als hätten wir den gleichen Geschmack“, bemerkte Eva, als sie Jans Kartoffelpüreegericht erspähte.

Es stellte sich heraus, dass sie mehr Gemeinsamkeiten hatten. Neben Essen und Trekking gab es noch die gleiche Leidenschaft für Reisen und Fotografieren. Sie redeten bis spät in die Nacht.

Da keiner die Zweisamkeit beenden wollte, zogen sie am nächsten Morgen zusammen los. Jan wohnte in der Mitte des Einheitsweges und hatte letztes Jahr den Weg von Aachen bis zu seinem Ort gelaufen und nun wanderte er die Osthälfte. Eva erzählte, dass sie gerade offiziell heimatlos war. Ihre plötzlichen Schmetterlinge im Bauch verdrängten den Wunsch des alleine Laufens. Auch er machte keinerlei Anstalten, die Situation zu ändern.

Als sie nach einigen Tagen seine Heimatstadt erreichten, wirkte die Einladung, Eva könne sich ein paar Tage bei ihm wie zu Hause fühlen, für beide völlig natürlich. Die erste Nacht bei ihm war auch die erste Nacht, in der sie sich küssten.

Dieser erste Tag ist nun sieben Monate her. Vor drei Monaten kam sein Antrag. Als der Wagen vor dem Rathaus hält, wartet er schon mit einem Lächeln. In Festtagskleidung und ihren Wanderschuhen schreiten sie zum Eingangstor.