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Ernüchternder Herbst

Die Aussicht auf einen weiteren Urlaub auf dem Zeltplatz ließ mich frösteln. Unsere Kinder liebten es, baden zu gehen und im Wald herumzutollen. Jedoch, als Dauercamper jede freie Minute faul herumzuliegen oder langweilige Gespräche mit noch langweiligeren Leuten zu führen, bedeutete keine Erfüllung mehr für mich. In diesem Jahr erklärte mein Mann kurz vor unserem geplanten Herbstferienurlaub, er müsse arbeiten und ich alleine fahren. Das passte zu meinem Gefühl, dass unsere Ehe langsam aus dem Ruder lief. Insgeheim wünschte ich mir schon lange einen Partner, der mir wieder Aufmerksamkeit und Zuneigung schenkt.

So fuhr ich mit den Kindern allein in unser Urlaubsdomizil. Die beiden waren sofort in ihrem Element und aus meinen Augen. Nach dem Auspacken genoss ich bei einer Tasse Kaffe die Ruhe dieses Nachmittags. Bald würden die Wochenendler diese Stille zerstören.

Zwischen den einzelnen Dauercampern zelteten häufig fremde Urlauber. So sah ich auch an diesem Tag in geringer Entfernung zwei kleine Zelte stehen. Meine Neugier wuchs, als sich dort zwei mir unbekannte Männer unterhielten. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, mir etwas Gesprächsabwechslung zu gönnen und das Beste aus meiner Situation zu machen.

Als die Kinder am nächsten Abend im Bett lagen, ging ich noch allein am See spazieren. An einer nicht zugewachsenen Stelle hatten die Camper eine Bank aufgestellt und gedankenverloren setzte ich mich hin. Ein kurzes Räuspern hinter meinem Rücken ließ mich aufschrecken. Ich drehte mich um und sah nur den Schatten eines der beiden Zelturlauber.

"Darf ich?", fragte er mit seiner sonoren Stimme und zeigte auf die Bank.

Sprachlos vor Schreck nickte ich nur.

"Ich bin Andreas und du?"

Sein liebevoller Blick irritierte mich. Was sollte ich tun? Weglaufen? Nein. Ich hielt seinem Blick stand und nannte meinen Namen.

Nachdem er ein wenig von sich preisgegeben hatte, fragte er mich aus. Er wollte alles über mich wissen. Ich genoss diese Aufmerksamkeit und redete eine gefühlte Ewigkeit von meiner Ehe, meinen Wünschen und meiner Sehnsucht nach Liebe. Interessiert hörte er mir zu. Während uns der Vollmond Licht spendete, schütteten wir unsere Herzen aus. Zwischendurch holte er eine Decke und legte sie zusammen mit seinem Arm um meine Schulter.

Ich war eigentlich gar nicht müde, trotzdem wollte ich noch ein paar Stunden schlafen, bis die Kinder nach ihrem Frühstück verlangten. Als ich aufstand, hielt er mich fest. Ich schaute in seine warmen dunklen Augen und konnte nicht mehr widerstehen. Wir hatten unser gesamtes Leben voreinander ausgebreitet und mir wurde in dieser Nacht das erste Mal bewusst, dass ich meinen Ehemann nicht mehr liebte.

Während ich ihm weiter tief in die Augen blickte, gab ich ihm einen leichten Kuss auf den Mund. Beim Zurückweichen hielt er mich fest. Er wollte es genauso wie ich und so küssten wir uns voller Leidenschaft. Dann stand er auf, hielt meine Hand fest und wir gingen langsam zu seinem Zelt. Glücklich über seine Zuneigung, sein Interesse an mir, ließ ich mich auf ein leidenschaftliches Liebesspiel in seiner kleinen Behausung ein.

Die Woche verging wie im Fluge. Meine Kinder tobten und badeten und ich genoss die Nähe eines interessanten Mannes. Die Nächte verbrachte ich je zur Hälfte in seinem Zelt und in unserem Wohnwagen. Dann kam der Tag des Abschieds. Ein letztes Mal sahen wir uns in die Augen. Mit Tränen im Gesicht flehte ich ihn an, mich nicht zu vergessen. Ich hoffte, dass auch ich ihm etwas bedeuten würde. Mit einem sehnsuchtsvollen Blick meinte er, dass er demnächst beruflich in Berlin sei und wir uns treffen könnten. Mit diesem Versprechen verabschiedete ich mich, wischte die Tränen weg, packte meine Sachen ins Auto und fuhr mit den Kindern heim.

Zu Hause war plötzlich nichts mehr wie früher. Meine Laune war wie unsere Ehe dem Tiefpunkt nahe, ich ging meinem Mann aus dem Weg und abends allein mit dem Handy spazieren. Dann kam es, wie es kommen musste. An einem verregneten kalten Herbsttag, das Wetter passte zu meiner traurigen Stimmung, gab mir Andreas am Telefon den Laufpass. Wie konnte er nur? Empfand er denn gar nichts für mich? War diese eine Woche nur gespielt? Ich konnte es nicht glauben. An diesem Abend peitschte mir der Wind den Regen ins Gesicht. Es fühlte sich an, wie die Strafe, die ich verdient hatte für meine Untreue. Dann rutschte ich in einem unachtsamen Moment auf den schlierigen Blättern, die der Herbst von den Bäumen riss, aus und fiel hin. Da saß ich nun, mitten im Dreck, die Scherben zweier Beziehungen vor meinen Augen. Was wird jetzt aus mir?

Autor: Ines Illing