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Blutschwur - Vampirfrau

Sie hatte ihm versprochen, zu erscheinen. Es war mehr als ein normales Versprechen gewesen, viel eher ein Schwur, eine heilige Versicherung, ihn nicht alleine zu lassen, die Unsicherheit zu verbannen und für alle Zeiten Klarheit zu bringen. Tatsächlich, manche Versprechen waren mehr als heilig, vor allem dieses. Sie selbst, die schöne Estelle, war es gewesen, die ihm die Wichtigkeit dieses Treffens immer wieder vor Augen geführt hatte, zuletzt mit einem Brief, der ihn vor drei Tagen erreicht hatte.

Der Brief, dachte er erneut, und ein Schaudern überfiel ihn. Der Brief war mit rotem Wachs versiegelt gewesen und seltsamer noch, war der Text mit einem tiefroten Kussmund unterzeichnet gewesen. All das passte überhaupt nicht zu ihr, und er sorgte sich umso mehr.

Caesar Orleans wartete nun seit einer Stunde. Die Sonne stand tief und tauchte den Glockenturm des Hauses Orleans in goldenes Licht.

Immer wieder ging sein Blick zum mächtigen Ziffernblatt des Turms hinauf, denn der Turm war der Mittelpunkt allen Geschehens, zumindest an diesem Abend.

Früher Abend, verbesserte Caesar sich und erinnerte sich an die Worte, die sie ihm geschrieben hatte. Wenn der Tag den Abend berührt, genau dort, wo das Gold der Welt am deutlichsten hervortritt. Daran gab es nichts falsch zu verstehen. Der Glockenturm würde in einer Minute zur vollen Stunde schlagen, zur neunzehnten, der schicksalhaften Neunzehn, doch noch war keine Spur von ihr zu sehen.

Es war drei Wochen her, seit Caesar seine Verlobte Estelle zuletzt begegnet war, und das, obwohl sie zuvor beinahe jeden Tag zusammen verbracht hatten. Plötzlich war sie verschwunden, so schnell, wie sie einst in seinem Leben aufgetaucht war. Schlimm genug, dass sein Herz brannte vor Sehnsucht, Unsicherheit und Ungewissheit, waren dann auch noch die Gerüchte aufgetaucht. Doch all das war ihm egal. Er hatte ohnehin kein Wort davon geglaubt. Der Brief hatte dies bestätigt. Und dann schlug die Uhr zur neunzehnten Stunde.

Caesar Orleans glitt aus seinen Gedanken in die Realität zurück. Als der Klang der Glocken verstummt war, hörte er eine Stimme hinter sich. Er fuhr herum und sah sie.

Endlich. Sein Herz machte einen Sprung. Endlich sehen wir uns wieder.

Sie war erschienen, ohne dass er es gemerkt hatte, doch darüber machte er sich nun keine Gedanken. Ihre Schönheit blendete ihn beinahe. Er ging auf sie zu. Seine Liebe war so stark, dass er nicht direkt bemerkte, wie sehr sie sich verändert hatte. Was er sehr wohl bemerkte, war allerdings, dass sie zurückwich.

"Warum?“, fragte er. „Und warum hast du mich verlassen? Und warum ..."

Sie hob die Hand und er verstummte unwillkürlich, und erst dann, dann endlich, lächelte sie. "So viele Fragen", sagte sie. "Und alle Antworten wirst du bekommen, Liebster. Aber nicht jetzt. Erinnerst du dich an mein Versprechen, das Erste von allen?"

Natürlich tat er das, denn ein liebendes Herz vergisst nicht so schnell. Er nickte.

"Du hast versprochen, dass wir in alle Ewigkeit zusammen sein können. Doch dann bist du verschwunden."

"Weil ich musste", sagte sie. "Vermutlich hast du nicht geahnt, wie ernst mir das Versprechen war. Ich würde alles tun, um es zu erfüllen. Ein wenig Geduld noch, Liebster, wenige Wochen, bis es soweit ist."

Obwohl es ihn freute, das zu hören, verstand er nun gar nichts mehr.

Sie sah seinen fragenden Blick und kam blitzschnell an ihn heran. Bevor er überhaupt reagieren konnte, nahm sie seine Hände und näherte sich mit ihren Lippen seinen Ohren.

"In alle Ewigkeit, sagte ich." Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. "Für immer, bedeutet das. Und was sind schon einige Wochen gegen die Ewigkeit?"

Er spürte ein seltsames Gefühl am Ohr, eine Mischung aus Kitzeln und Stechen, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Für denselben Zeitraum schlossen sich seine Augen. Als er sie wieder öffnete, war Estelle bereits verschwunden.

Wieder einmal stand er alleine da, doch diesmal ohne Trauer, denn plötzlich hatte er alles verstanden, einfach alles.

Er ging zurück in Richtung seines Anwesens und bemerkte, dass er die Natur deutlicher wahrnahm als je zuvor, während Estelles letzte Worte seinen Geist völlig vereinnahmten.

Was sind schon einige Wochen gegen die Ewigkeit?

Er lachte und beschloss, sich an die Arbeit zu machen, denn es gab einiges zu regeln, bevor er diese Welt bald endgültig verlassen würde und sie zu zweit die Ewigkeit erobern würden.