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Hingabe

Beinahe tänzelnd bewegte sich Laura durch die Räumlichkeiten des Herrensitzes. Das Kaminzimmer, den Salon und die Gemächer des Fürsten hatte sie nun für sich. Denn abgesehen von dem etwas knorrigen Diener, der ihr tagsüber aus dem Wege ging, befand sich zumeist keine menschliche Seele in dem alten Gemäuer. Der Schlossherr war wieder einmal verreist und ließ der jungen Hausangestellten, die sich wenige Stunden pro Tag der Sauberkeit des Anwesens widmete, somit freie Hand. Fröhlich singend trippelte diese in ihrer Dienstmädchenkleidung daher durch die Flure, staubte eiserne Rüstungen, hölzerne Bilderrahmen und antike Möbel ab. Einen besseren Beruf konnte sie sich nicht wünschen.

Denn da war noch etwas, das Laura in ihren Bann zog. Es war das Leben des Fürsten, das sie in nahezu jedem Raum verfolgen konnte. Einige Gemälde zeigten ihn in stattlicher Form als seriösen Geschäftsmann, andere porträtierten ihn als älteren Herren, dem immer ein diabolisches Lächeln auf den Lippen lag. Ein Mann von Welt, ein Mann mit Ausstrahlung. Insbesondere die alten schwarz-weißen Fotografien faszinierten die junge Dame: Ihr Arbeitgeber versprühte darauf so viel Charme und Klasse, wie sie das in ihrem Freundeskreis noch bei keinem der jungen Burschen erlebt hatte. Sie selbst wusste, wen sie sich erwählen würde - und da spielte das Alter keine Rolle.

Doch es waren nicht alleine die Fotos und Bilder, die Laura so verzauberten. Vielmehr fühlte sie sich in allen Räumen des Anwesens geborgen, fast heimisch. Sie hätte nie mit Worten ausdrücken können, welcher Reiz sie hier hielt und nahezu packte, mit welchem Gefühl der Wonne sie die Flure durchschritt, in jedem der Gemächer ein kleines und für sie neues Detail zu finden hoffte, das ihr mehr über das Leben des Fürsten erzählte. Die gerade erst der Jugend entwachsene Haushälterin hatte sich verliebt. Ob der dafür auserkorene Mann die Gefühle je erwidern würde, spielte dabei keine Rolle. Sie wollte sich ihm einfach nur hingeben, ihr gesamtes Dasein einzig und alleine dem Wohl des Fürsten widmen. In gewisser Weise tat sie das bereits. So erfüllte sie beispielsweise jedes Detail der strengen Bekleidungsvorschriften, pflegte sogar ihren Körper auf genau die Weise, wie er es vorschrieb, und das, obwohl er bisher noch fast gar keine Gelegenheit gefunden hatte, es auch nachzuprüfen.

Als aufstrebender Geschäftsmann war er einst losgezogen, um internationale Handelsrouten zu knüpfen. Das Britische Reich, in dem er lebte, trieb Handel mit Nationen wie Holland und Spanien. Bis nach Asien wurden Waren exportiert. So sammelte er seinen Reichtum, denn an jeder Verbindung, die er schuf, verdiente er mit. Er pflegte Kontakte, baute Eisenbahnstrecken und ermöglichte erst damit den geschäftlichen Austausch zwischen den Ländern. Diese Tätigkeit war glorreich und angesehen, doch auch mit erheblichem Aufwand verbunden. Elf Monate im Jahr weilte er daher auswärts und kehrte nur selten einmal in den traditionellen Sitz seiner Familie zurück.

Viele Bewohner des nahen Dorfes vermieden es, dem prächtigen Garten nahezukommen oder auch nur einen Fuß auf die Schwelle des Hauses zu setzen. Was genau hier einst geschah, wusste niemand. Die alten Geschichten wollte Laura indes nicht hören. Sie mochte naiv gewesen sein, tat derlei aber als Ammenmärchen ab. Denn dass ihr geliebter Fürst ein Untoter sein könnte, schien ihr dann doch zu abwegig. Vermutlich spielte bei solchen Behauptungen auch Neid eine Rolle. Leugnen wollte sie allerdings nicht, dass ihn die Fotos und Gemälde über mehrere Epochen hinweg zeigten und er daher bereits sehr alt sein musste. Sie selbst konnte nicht ahnen, wie er aussehen würde, wenn sie ihn einmal treffen sollte.

Natürlich hatte sie ihre Sympathien keiner Menschenseele verraten - weder ihre Freunde oder die Familie, noch der im Anwesen wohnende Diener wussten davon. Was brächte es auch, sich zu offenbaren? Schon damals, als sie die Stelle angenommen hatte, wurde sie mit Hohn und Spott bedacht. Schlimmer aber waren die eindringlichen Warnungen, das Haus in keinem Falle zu betreten. Doch der ihr angekündigte Schrecken bewahrheitete sich nie. Und wenn, dann sollte es eben so sein.

Als sie nun wieder einmal den Wedel schwang und die unmerkliche Staubschicht von einem Gemälde hauchte, schien sie der Blick des Fürsten förmlich anzustarren. Die Liebe stieg ins Unermessliche und Laura ließ sich zu einer unbedachten Äußerung hinreißen:

"Ach, wärest Du doch bei mir".

Die Worte, die sie dem Porträt sachte zuflüsterte, blieben unerwidert. Doch draußen zog plötzlich ein Sturm auf, die Fensterläden klapperten und trotz der taghellen Stunden flog ein Schwarm Fledermäuse hörbar durch den Park des Schlosses. Die junge Dame erschauderte kurz, als ihr der eisige Frost durch die Glieder zog, ihr im selben Moment aber die Hitze des Augenblicks in den Kopf stieg.

Sie hörte die hinter sich öffnende und knarzend schließende Holztüre. Tritte starker Männerbeine, besohlt mit schweren Stiefeln, kamen auf sie zu. Sie drehte sich nicht um. Sie hatte den Eindruck, dass sich etwas auf sie zubewegte, dem sie sich gänzlich hinzugeben hatte, das einen berechtigten Anspruch auf sie hatte. Und ihr einziger Daseinszweck war es, dass dieser Anspruch sich erfüllte. Furcht und Neugier spielten keine Rolle mehr. Langsam neigte sie den Kopf zur Seite und sah ihn nun inmitten des Raumes stehen: Eine prachtvolle Gestalt, galant gekleidet, ein charmantes Lächeln zeigend. Sie wollte von diesem Mann mit all seiner körperlichen Kraft und seiner mentalen Macht festgehalten werden und ihm bedingungslos zur Verfügung stehen. Der Kuss, den er auf ihren Hals setzte, hinterließ zwei feine Einstiche, aus denen wenige Tropfen Blut rannen. Endlich gehörte sie gänzlich ihm.