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Glück Express

Es war der erste Advent und Laura befand sich so gar nicht in Weihnachtsstimmung. Draußen vor ihrem Fenster zogen graue Nebelschwaden vorbei und der Regen klatschte pausenlos gegen die Fensterscheiben. Einen Tag zuvor hatte sie mit ihrem langjährigen Freund Tim Schluss gemacht, als sie ihn mit ihrer besten Freundin knutschend auf dem Rücksitz seines Autos erwischt hatte. Nach Lichterglanz, Spekulatius und Vorweihnachtsfreude war Laura so gar nicht zumute. Traurig zündete sie die erste Kerze auf ihrem Adventskranz an, machte sich eine heiße Schokolade und wählte eine romantische Komödie aus dem Filmangebot ihrer Fernsehbox. Wenn sie schon selbst kein Glück in der Liebe hatte, wollte sie wenigstens ein küssendes Paar auf dem riesigen Bildschirm sehen. Den hatte ihr noch Tim zum Schnäppchenpreis besorgt, wenige Wochen, bevor die Beziehung zu Ende ging. Laura seufzte tief auf und kuschelte sich in ihre Schmusedecke.

Plötzlich klingelte es an der Tür und Laura horchte verwundert. Besuch erwartete sie an diesem Sonntag nicht. Kein Anlass also, vom gemütlichen Sofa aufzustehen und nachzuschauen, wer da am ersten Adventssonntag so stürmisch schellte. Doch das Klingeln hörte nicht auf.

"Da ist aber jemand hartnäckig", dachte Laura genervt und schlich mit erhöhtem Puls auf ihren dicken Wollsocken leise zur Tür.

Vorsichtig schaute sie durch den Spion. Dort stand ein Mann, der wie ein Paketzusteller aussah. Aber am Sonntag? Vielleicht war das ja ein Trick und der Mann ein verkleideter Räuber, der sie überfallen wollte. Vorsichtig legte Laura die Türkette vor, öffnete einen Spalt und lugte vorsichtig nach draußen.

"Ja bitte?", fragte sie ein wenig unsicher.

"Expresspaket!", rief der Bote.

Laura öffnete die Tür und fuhr erstaunt zurück.

"Mark, was machst du denn hier?", rief sie aufgeregt.

Sofort hatte sie ihre Jugendliebe aus der zehnten Klasse wiedererkannt, obwohl er inzwischen natürlich älter aussieht. Aber er hatte immer noch die kornblumenblauen Augen, in die sie sich als Teenie unsterblich verliebt hatte. Die Lachfältchen drum herum und die feinen Silberstreifen in seinem dichten dunklen Haarschopf machten ihn nur noch attraktiver. Laura spürte, wie ihr die Knie weich wurden und ihr das Herz bis zum Hals klopfte.

Aber was machte Mark denn bei einem Paketservice? Wollte er damals nicht Ingenieur werden und am anderen Ende der Welt Staudämme bauen? Der Jugendfreund schaute Laura tief in die Augen, als ahnte er ihre unausgesprochene Frage.

"Du willst jetzt sicher wissen, was ich hier mache und warum ich dir ausgerechnet am Sonntag ein Paket zustelle", meinte er, und ein trauriges Lächeln huschte um seine Lippen.

"Ich war viele Jahre in Neuseeland und habe dort für eine große Firma ein Wasserkraftwerk mit aufgebaut, aber dann hat das Schicksal zugeschlagen", begann Mark zu erzählen.

Laura unterbrach seinen Redefluss und meinte schmunzelnd: "Aber was stehen wir denn hier zwischen Tür und Angel herum, willst du nicht hereinkommen?" Dabei wurde sie rot bis unter die Haarwurzeln.

"Ich muss dir erst einmal das Paket aushändigen", meinte Mark lachend. Da erinnerte sich Laura, dass ihre Patentante aus Dresden ihr an jedem ersten Advent selbstgebackenen Christstollen schickte. Über ihrem Liebeskummer hatte sie dieses liebgewordene Ritual völlig vergessen.

Mark trat in Lauras gemütlich eingerichtetes Appartement und fühlte sich gleich wie zu Hause. Dann begann er zu erzählen, wie die Firma in Neuseeland pleitegegangen ist, er seinen Job dort verloren hat und wieder zu seinen Eltern nach Köln ziehen musste. Seine kinderlos gebliebene Ehe ist mittlerweile geschieden. Um erst einmal wieder bei Kasse zu sein, hat er kurzfristig den Zustellerjob angenommen.

"Als ich in der Verteilerstelle zufällig deinen Namen auf dem Paket gelesen habe, musste ich sofort zu dir fahren", gestand er verunsichert.

Bei Christstollen und Kaffee haben Laura und Mark dann stundenlang miteinander geredet, bis es dunkel wurde. Und die Kerze auf dem Adventskranz leuchtete hoffnungsfroh in die Zukunft.