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Engel-Feiertage

"Ich häng in meinem Zimmer und schaue alle Folgen 'Eine himmlische Familie'. Mein Weihnachten ist eine Katastrophe." Laras Stimme am anderen Ende der Leitung klingt verzweifelt.

"Oh Mann, das tut mir leid.", murmele ich ins Handy. Ich fühle mich schlecht, weil ich einen absolut perfekten Heiligabend hinter mir habe. Mit Pasteten essen und Sekt trinken bei Kerzenschein und Weihnachtsmusik und ehrlicher Freude über jedes Geschenk und sich mit Tränen in den Augen sagen, wie wichtig man einander ist. Lara seufzt. Wahrscheinlich, weil sie weiß, dass mein Weihnachten perfekt ist und ihres nicht und ich mich dafür schäme und es ihr deshalb noch schlechter geht.

Ich denke an unser letztes Treffen. Vor zwei Tagen saßen wir bibbernd auf ihrer Veranda, betranken uns mit Glühwein und aßen selbstgebackene Plätzchen. Es war mein letzter Versuch gewesen, ihr etwas Weihnachtlichkeit einzuflößen, wie sich zeigte, erfolglos. "Warum sollten wir ein Fest feiern, dass auf dem Mythos der 'Unbefleckten Empfängnis' " (Lara machte dabei mit ihren Mittel- und Zeigefingern Gänsefüßchen in der Luft) "beruht und aus dem eine Religion entstanden ist, die zu Kriegen und Hexenverbrennungen geführt hat und das alles mit ..."

Ich unterbrach sie mitten im Satz, nahm ihr die Weinflasche aus der Hand und küsste sie. Ohne lange nachzudenken, ohne es vorher nur eine Sekunde lang geplant zu haben. Ich drehte ihr Gesicht zu mir, näherte mich ihm langsam mit meinem und drückte noch langsamer meine Lippen auf ihre. Kurzes Innehalten, um ihre Zustimmung abzuwarten, dann erwiderte sie den Kuss. Süß und weich und warm.

Verblüfft schaute sie mich danach an. "Ich ... ich dachte, wir zwei sind nur ... also, ich stehe normalerweise nicht auf Frauen ...". "Okay. Ich eigentlich auch nicht.", antwortete ich. Und es stimmte. Ich hatte keine Ahnung, auf wen ich eigentlich stand. Aber dass ich Lara wollte, das war mir in dem Moment klarer denn je.

Ich schüttele kurz den Kopf, um mich wieder auf unser Gespräch im Hier und Jetzt zu konzentrieren. Aber wir schweigen uns nur an, nach einer Weile lege ich auf. Ich wollte sie fragen, was sie heute noch macht und dass sie antwortet "Nichts, möchtest du vorbeikommen?", aber ich habe mich nicht getraut. Seit unserem Gestotter, bei dem wir uns gegenseitig versicherten, nicht lesbisch zu sein, obwohl wir uns gerade geküsst hatten, wurde kein Wort mehr über unseren Kuss verloren. Ich weiß nicht, welche Art von Freundinnen wir im Moment sind.

Zehn Minuten später ruft Lara mich erneut an. "Caro? Kannst du einem armen Grinch zeigen, wie man ein perfektes Weihnachten feiert?", ruft sie aufgeregt. Und dann: "Ich stehe vor deiner Tür."

Als ich die Treppe herunter renne, fällt mir auf, dass ich noch meinen blinkenden Rentier-Pullover und Schneemann-Pantoffeln trage, aber nun ist es zu spät. Vor meiner Haustür steht Lara, Schneeflocken rieseln auf die Nikolaus-Mütze auf ihrem Kopf und ihre dunklen Haare, in der Hand hält sie eine Flasche Glühwein aus dem Discounter.

"Fröhliche Weihnachten!", ruft sie mir bibbernd zu.