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Peinliche Nikolausüberraschung

Silvi tapst durch die riesige Altbauwohnung. Sie kennt sich hier nur wenig aus und muss aufpassen, in der Dunkelheit nicht wieder gegen ein Möbelstück zu rennen. Denn im Augenblick ist sie wohl so etwas wie eine Einbrecherin. Sie befindet sich im Appartment ihres noch relativ neuen Freundes Norbert. Nur der ist nicht daheim und hat keine Ahnung, dass ihn bald eine Überraschung zum Nikolausabend erwartet.

Fehlalarm. Silvi macht das Licht im Vorzimmer wieder an. Das eben waren nur die Nachbarn. Trotzdem muss sie weiter auf der Lauer sein. Um diese Uhrzeit kommt ihr Freund sonst immer aus dem Fitnessstudio. Das Vorzimmerlicht kann man zwar von draußen nicht erkennen, von der Eingangstüre aber schon.

Ein wenig fröstelt es Silvi in ihrem Nikolauskostüm schon. Gerade hat sie sich umgezogen. Natürlich trägt sie keine weite Kutte und auch keinen Wattebart. Sie trägt etwas Knappes, Rotes, mit weißem Plüsch und weißen Strümpfen. Ihre Nikolausmütze hängt frech zur linken Seite. Bei der Gelegenheit wirft sie nochmals einen Blick in den Spiegel. So würde sie niemals das Haus verlassen.

Eigentlich sollte sie das nicht anhaben. Sie kriegt einen Schreck und macht schnell das Licht wieder aus, setzt sich auf die Ledercouch, die im Vorzimmer steht. Das hatte sie komplett vergessen! Die Sache mit ihrem Exfreund Thomas. Damals trug sie genau dasselbe Kostüm. Auch Thomas wollte sie zu Nikolaus überraschen, hatte seinen Schlüssel geklaut, um sich in seine Wohnung zu schleichen. Dort erlebte sie den totalen Albtraum.

Die Tür ging auf, das Licht an, sie stand da und musste zusehen, wie Thomas und ihre ebenfalls liierte Arbeitskollegin Tamara Arm in Arm durch die Türe turtelten. Die hatten sich auf ihrer Firmenfeier kennengelernt und sich tatsächlich auf einen Seitensprung verabredet. Silvi fühlte sich damals richtig bloßgestellt, auch wegen der eher privaten Sachen, die sie anhatte. Noch immer wirft ihr die Kollegin, mit der sie nur noch notfalls redet, einen leicht spöttischen Blick zu, wenn sie ihr auf dem Gang begegnet.

Eigentlich sollte sie sich keine Sorgen machen. Norbert ist anders als Thomas, der sich nie wirklich unter Kontrolle hatte und jedem Rock hinterherrannte, es vermutlich immer noch tut. Ihr neuer Freund ist häuslicher, wünscht sich irgendwann eine Familie und zieht auch kaum noch mit seinen Freunden um die Häuser. Ein wenig Sorgen macht sie sich aber um diese Angewohnheit, ihren Partnern in einem Frühstadium der Beziehung die Schlüssel zu klauen, um sie zu Nikolaus in ihrer Wohnung zu überraschen. Silvi greift zu ihrer Handtasche, nimmt das Telefon und spricht in ihre Notizzettel App: Rede mit Frau Danner bei nächster Psychoanalyse über Schlüssel-Weihnachtskostüm-Sache.

Jetzt hört sie Schritte. Das muss er sein. Das Licht ist aus und Silvi nimmt auf der Ledercouch eine adrette Haltung ein. Der Schlüssel wird umgedreht. Plötzlich ist es hell. Vor ihr steht eine ältere Dame und sieht sie entsetzt mit weit aufgerissenen Augen an. Dahinter steht Norbert, ebenfalls überrascht. Sein Kopf leuchtet in derselben knallroten Farbe wie Silvis Dress. Und jetzt betritt auch noch ein älterer Herr mit ergrautem Schnauzer das Vorzimmer.

Silvi fällt ein Stein vom Herzen! Doch gleichzeitig würde sie sich am liebsten in Luft auflösen. Nein, Norbert, der Familienmensch, ist nicht mit seiner heimlichen Geliebten aufgetaucht. Es sind seine Eltern, mit denen er den Nikolausabend verbringt. Und die lernt sie nun zum ersten Mal kennen, in einem Outfit und einer Haltung, die Norberts dreizehnjähriger Bruder Michael besser nicht sehen sollte, auch weil ihr Anblick ursprünglich nur für einen einzigen Erwachsenen bestimmt war. Natürlich! Der Bruder platzt auch noch herein. Er reißt seinen Mund erstaunt auf, dann grinst er, und ehe sie das Kleidchen völlig zurechtrücken kann, macht er ein Foto mit seinem Smartphone. "Ich bin mal kurz in meinem Raum.", sagt er schnell und verschwindet in das kleinere der beiden Gästezimmer. Die Anderen stehen immer noch bewegungslos da.

Silvi hat keinen Schimmer, wie sie sich aus dieser Situation herauswinden soll - und wie sie den Schnappschuss des kleinen Bruders zensieren kann, der das Bild hoffentlich nicht gleich in die ganze Welt hinaus postet.

Eine halbe Stunde später sitzen sie alle beim Abendessen, das von dem französischen Restaurant im Erdgeschoss pünktlich geliefert wurde. Norbert schaut Silvi lächelnd an, obwohl sie ihn gerade heimlich unter dem Tisch ins Schienbein getreten hat. Am liebsten würde sie es gleich wieder tun. Das war die dümmste Ausrede, die sich ihr Freund nur hätte einfallen lassen können. Wenigstens hat er schnell geschaltet und konnte das Foto löschen, ehe sein Bruder es auch nur irgendwem gesendet hat. Doch das ändert nichts daran, dass sie hier in diesem ultraknappen Nikolausdress mit ihren vielleicht zukünftigen Schwiegereltern am Tisch sitzt.

Norberts Erklärung: Silvi hätte eine Wette verloren und müsse den gesamten sechsten Dezember so angezogen sein. Eigentlich wollte sie schnellstmöglich ins Schlafzimmer rennen und die Sachen wechseln. Nun bleibt ihr nichts anderes übrig, als mitzuspielen. Ein Mal hatte sie bereits versucht, das alles zu beenden. Sie druckste herum, dass der Tag eigentlich schon vorbei wäre und dass man die Wette am Abend nicht mehr so genau nehmen muss. Doch Norberts Vater wollte davon nichts wissen. Es kam für ihn nicht infrage, Zeuge eines Wettbetrugs zu sein. "Ehrlichkeit geht vor.", da ließ er nicht mit sich verhandeln.

Der Abend verläuft sehr nett und die Eltern stellen sich als äußerst locker heraus, zumindest wenn es um luftige Weihnachtskostüme geht. Die Mutter wollte wissen, was die junge Dame denn beruflich macht. Schon fand sich eine Gemeinsamkeit. Der Vater hatte für ein paar Jahre das Rechnungswesen in derselben Versicherung geleitet, in der Silvi arbeitet. Das war aber lange vor ihrer Zeit.

Am Ende des Abends wird sie von Norbert zur Tür gebracht.

Jetzt kommt es, denkt Silvi. Jetzt will er wissen, woher ich den Schlüssel hatte, warum ich auf diese Idee kam. Ihr Herz klopft vor Aufregung. Was, wenn es irgendwann Gerüchte über die Durchgeknallte gibt, die zu Nikolaus in die Wohnungen ihrer Liebhaber einbricht? Sie kramt in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel und drückt ihn Norbert in die Hand.

"Entschuldigung!", säuselt sie ein wenig und hofft, dass er ihr so eher verzeihen kann.

Norbert gibt Silvi den Schlüssel zurück.

"Ich möchte, dass du den behältst. Nur für den Fall, dass du nächstes Jahr wieder solche Einfälle hast.", sagt er und gibt ihr einen langen Abschiedskuss.