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Bar-Traualtar

Es ist, als ob es gestern wäre. Franz sprach dieses Mädchen in der Bar an. Er hat sie schon eine ganze Weile beobachtet und mich gefragt, ob er sich trauen soll. Nun traut er sich das zweite Mal - im wahrsten Sinne des Wortes. Er steht vor dem Altar - mit seiner Susanne. Hätte er sie damals nicht angesprochen, wie hätte sich unser Leben verändert? Mit Susanne hat er eine Frau getroffen, die ihn liebt, wie er ist.

Franz und Susanne haben sich vor fünf Jahren in unserer Stammkneipe kennengelernt. Er hat gezögert, sich gefragt, ob er sie ansprechen soll. Ich habe ihn unterstützt und ihm gesagt, er soll es versuchen. Heute denken wir noch oft an diesen Tag und sprechen darüber. Was wäre, wenn ich gesagt hätte, sprich sie nicht an? Hätte das Schicksal einen anderen Weg eingeschlagen? Wäre er nun mit einer anderen Frau vor dem Altar? Ich weiß es nicht, und ich bin froh, dass sich diese Frage nicht stellt.

Er hat mich vor wenigen Monaten angerufen und mir gesagt, dass er nun Susanne heiraten wird. Ich habe mir schon öfter gedacht, dass es bald Zeit ist. Schließlich sind sie wie füreinander geschaffen. Sie sind sich sehr ähnlich, teilen die gleichen Weltansichten und sind ein unzertrennliches Paar. Ich sitze nun neben Franz, darf an diesem großen Tag sein Trauzeuge sein, und denke noch immer gerne an früher zurück. Ich bin nicht neidisch, dass er seine große Liebe gefunden hat, während meine Beziehungen nicht länger als wenige Monate dauern. Vielleicht finde ich auch einmal einen Partner, der so ist wie Susanne. Der zu mir steht, ganz egal, was ich mache und der mich akzeptiert, genauso wie ich bin. Ich gönne es meinem langjährigen Freund und wünsche ihm alles erdenkliche Gute.

Es dauert noch ein paar Minuten, bis mein großer Auftritt kommt. Ich darf die Ringe reichen. Eine Aufgabe, die sehr wohl zeigt, dass Franz und Susanne mir vertrauen. Der Pfarrer spricht schon eine halbe Ewigkeit. Ich finde Hochzeiten nicht langweilig, freue mich aber immer auf den großen Moment. Der Moment, in dem der Trauzeuge ins Bild rückt, die Ringe reicht und sich das Brautpaar das Ja-Wort gibt. Ein rührender Moment, der sehr wohl zeigt, dass diese beiden Personen es wirklich ernst meinen. Obwohl die Scheidungsrate immer höher wird und immer mehr Personen glauben, sie müssen spontan heiraten: Bei Franz und Susanne habe ich das Gefühl, dass sie sehr wohl für immer zusammenbleiben.

Bis heute kann ich mich an keinen Streit erinnern. Natürlich haben sie immer wieder Meinungs­yverschiedenheiten und diskutieren über Kleinigkeiten. Aber bislang hat es nie ernsthaft gekracht. Im Gegenteil. Nach jeder Diskussion finden sie eine Lösung, mit der beide Seiten gut umgehen und leben können. Ein Geschenk? Ich glaube, sie passen einfach zusammen - zu hundert Prozent. Und ich freue mich für sie.