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Traumhochzeit

Erst als ich mit ihm zusammen nach der Trauung dieses Kunstwerk von einer Torte anschnitt, war ich zu Tränen gerührt. Alles an diesem Tag war letztendlich wirklich genau so umgesetzt, wie ich es mir seit Jahren vorgestellt hatte, obwohl die fast sechsmonatige Planungsphase zeitweise mit einiger Hysterie und Verzweiflung meinerseits abgelaufen war. Ich bin nun einmal eine Perfektionistin, und perfektionistische Frauen sollten eigentlich keine Hochzeit organisieren dürfen. Schwarz und Weiß sollte sie werden, bis hin zum kleinsten Detail, da ich schon immer fand, dass diese beiden Farben zusammen den Inbegriff von zeitloser Eleganz darstellen. Tatsächlich waren auch wirklich alle Gäste in Schwarz und Weiß erschienen, nachdem wir in der Einladung darum ersucht hatten. Obwohl meine Großmutter wiederholt und noch zwei Tage vor dem Fest meinte, sie bringe nichts in diesen, wie sie es bezeichnete, unpassenden "Unfarben" auf eine Hochzeit und mich damit auf die Palme brachte, stand sie jetzt doch angemessenen gekleidet daneben und schaute mit großem Appetit auf die Torte, durch die das Messer glitt. Die zahlreichen Kinder hatten sich bereits mit leuchtenden Augen angestellt, um eines der ersten und größten Stücke zu ergattern.

Das weiße Zelt, das mitten im Park aufgestellt worden war, sah so elegant aus mit den Kristalleuchtern, den kleinen schwarzen Sternen auf der Innenseite des Daches und dem karierten Fußboden. Die schwarz eingefärbten Rosen, deren Blüten überall am Boden verstreut lagen und auch die Tischvasen zierten, hatten dem Floristen wahrscheinlich einige graue Haare wachsen lassen. Sie waren so perfekt, dass sie fast wie Plastik aussahen. Ich verbrachte eigentlich den ganzen Tag damit, mir insgeheim immer wieder zu überlegen, wie schade es war, dass in den frühen Morgenstunden alles abgeräumt werden würde. Es ist nun einmal eine Tatsache, dass alles Vollkommene im Leben irgendwann zu Ende gehen muss.

Natürlich soll das nicht für unsere Ehe gelten, denn ich bin wirklich überzeugt davon, dass wir gemeinsam alt werden. Schon der Moment des Heiratsantrags war so beiläufig und entspannt gewesen, dass es sich wie unsere Beziehung authentisch, echt und richtig anfühlte. Ein paar Monate, nachdem wir uns auf der Hochzeit meiner Schwester kennengelernt hatten und als Singles von Braut und Bräutigam nebeneinander an den Tisch platziert wurden, saßen wir abends in seiner kleinen Küche und aßen Pizza. Er schaute mich an und sagte einfach, dass er mich heiraten wollte. Einfach so. Ohne große Geste, ohne dass er auf die Knie fiel.

Ich entgegnete unbeeindruckt: "Einfach so?"

Er stand auf, holte die Alufolie aus dem Schrank über dem Herd und setzte sich wieder an den Tisch. In Kleinstarbeit formte er aus einem Stück Folie einen Ring, den er mir an den Finger steckte.

"Glaubst du’s mir jetzt?", fragte er, und ich antwortete nur: "Ja, okay."

Wir waren damals Anfang Zwanzig und hatten überhaupt kein Geld, da wir beide noch Studenten waren. So lebten wir zwar zusammen, blieben aber fast vierzehn Jahre lang verlobt, bis wir uns diese aufwendige und unkonventionelle Feier und die vierwöchige Hochzeitsreise nach Japan leisten konnten. Er hat zwar lange darauf bestanden, mir doch noch einen richtigen Verlobungsring zu kaufen, ich habe sein Angebot aber wiederholt ausgeschlagen, da mein Aluring durch nichts ersetzt werden kann. Meinen Brautstrauß aus schwarzen, mit Perlen verzierten Callas fing, wie ich es mir insgeheim erhofft hatte, unsere siebenjährige Tochter.

Das schönste an meiner Hochzeit war mit Abstand die Tatsache, dass unsere beiden Kinder dabei waren und hautnah miterleben konnten, wie sich ihre Eltern vor Familie und Freunden das Versprechen gaben, für den Rest ihres Lebens füreinander da zu sein.

Als ich um sechs Uhr morgens als verheiratete Frau aus meinem von mir entworfenen, nach Maß angefertigten Brautkleid stieg, fiel all der Stress, den die Organisation einer Hochzeit mit sich bringt, schlagartig von mir ab. Auf der Bettkante sitzend betrachtete ich mein geliebtes schulterfreies weißes Kleid mit den bauschigen Ballonärmeln und dem schwarzen Taillenband, das nun als Haufen von Seidenchiffon vor meinen Füßen lag und mich an einen Berg Schlagsahne erinnerte. Zufrieden legte ich mich neben meinen Ehemann, der schon seit Stunden tief schlief. Was für ein Glück, dachte ich noch, dass wir erst übermorgen nach Japan fliegen.