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Wildes Leben - Picknick im Park

Nun sitzen sie im Bus nebeneinander. Sie genießt die warmen Sonnenstrahlen, die ihr die Wange wärmen. Er streicht ihr eine grau gewordene Locke aus dem Gesicht, um ihr Profil zu betrachten. Sie hat immer noch ein Meer von Sommersprossen auf der Nase. Die fröhlichen Krähenfüße um die Augenwinkel sind tief eingegraben. Für ihn gibt es nichts Schöneres, als hier neben ihr zu sein, ihr Profil zu betrachten und den Gedanken freien Lauf zu lassen.

Vor fast fünfzig Jahren saßen sie schon einmal zusammen im Bus. Damals war es der Schulbus. Ihre Augen haben geleuchtet, als er sich zu ihr setzte, die Wangen wurden rosig und sie sah aus dem Fenster. Er brauchte ihr nicht die Haare aus dem Gesicht zu nehmen, denn sie waren zu einem strammen Zopf geflochten. Das war auch gut so, denn er hätte nicht gewagt, sie zu berühren. Er hat sich so vieles nicht gewagt. Sie verloren sich aus den Augen.

Ein paar Jahre später sah er sie auf einer Party in der Stadt. Fröhlich und leicht tanzte sie in ihrem bunten Hippiekleid um jeden herum, wie ein lustiges Vögelchen. Ihre Hand streifte seine und das war das größte Glück, das er sich vorstellen konnte. Gern hätte er sie festgehalten. Doch er hatte Angst, sie könnte aufhören zu lachen.

Was hätte alles sein können, wenn er damals, nur für einen winzigen Moment, zugegriffen hätte! Die Wärme der Sonne und ihrer Nähe lässt ihn träumen. Er schließt die Augen, um die Fülle dessen zu genießen, was hätte sein können, wenn er nur ...

Nun betrachtet sie sein Profil. Die Nase, die damals der Inbegriff einer wohlgeformten Gesichtssymmetrie war, hat über die wilden Jahre seiner Kampfeslust Verformungen erfahren. Tiefe Furchen haben sich auf die Wangen gelegt und die goldenen Seidenhaare haben sich weit aus dem Gesicht zurückgezogen. "Mein blonder Engel." denkt sie liebevoll und erinnert sich, wie er sich im Schulbus neben sie setzte und sie seine liebevollen Blicke aufsaugte wie die Sonnenstrahlen an einem kühlen Tag. Wie gerne hätte sie so viel mehr Nähe mit ihm genossen!

Nur einmal hat sie gewagt, ihn zu berühren. Auf einer Party, damals in der Stadt nahm sie für einen kurzen Moment seine Hand. Wie gern wäre sie stehen geblieben, hätte ihm lange in die seeblauen Augen gesehen, ...

Doch sie hatte Angst. Vor was eigentlich? Sie tanzte weiter und nahm diesen kurzen Moment des höchsten Glücks als Talisman in sich auf.

All die Jahre verfolgte sie von Weitem sein wildes Leben, hat ihm Heilung gewünscht, wenn er mal wieder eine Hauerei oder ein "Treffen mit einem Baum" hatte. Manchmal tröstete sie sich damit, dass so ein wildes Leben nichts für sie wäre. Ihre Kinder sehen aus, als könnten sie von ihm sein. Ein glückliches Lächeln umspielt ihre Mundwinkel. "Das habe ich gut hingekriegt." denkt sie bei sich. Ach, was hätte alles sein können, wenn sie nur ...

Der Bus hält am Park. Er hilft ihr beim Aussteigen und nimmt sie bei der Hand. Picknick im Park macht die beiden zu glücklichen Teenagern und hier genießen sie ihre Jugend. Endlich!